EIne Zettelbox, Notizbücher und drei schwarze Stifte
Schreiben

Eine kleine Auseinandersetzung mit meinem Perfektionismus

Die Tatsache, dass ich manch­mal even­tu­ell mini­mal zu Perfektionismus neige, ist mein Freund und Feind zugleich. (Eine blöde Metapher, ich weiß, total aus­ge­lutscht und so.) Deswegen, warum ana­ly­sie­ren wir das Ganze nicht ein­mal ein biss­chen?

Halten wir an der blö­den Metapher, die total aus­ge­lutscht ist, fest. Perfektionismus als Feind zu bezeich­nen, klingt nicht schön. Deswegen bezeichne ich ihn jetzt mal als Freund. Mein Freund, der Perfektionismus, der hin­ter mei­ner Stirn seine Hyperaktivität manch­mal nicht in den Griff bekommt. Wenn ich die­sen Freund in mei­nem Kopf visua­li­sie­ren, per­so­ni­fi­zie­ren, was auch immer müsste, dann sähe er in etwa so aus: Klein und knuf­fig, mit die­sen nied­li­chen Knautschbacken. Vielleicht hat er auch einen vio­let­ten, abso­lut fancy Hut auf. Ich meine, er stammt von mir ab, da wird er ja auf eine Art fan­tas­tisch sein.

Ich bin gerade am Überlegen, ob er viel­leicht noch einen Namen braucht.

Ja. Braucht er. Definitiv.

Ich meine, wir sind gerade dabei, uns durch die­sen Blogbeitrag so rich­tig ken­nen­zu­ler­nen. Also, visu­ell.

Hmm.

Archie. Er heißt Archie.

Perfekt. Also, Archie sitzt da oben, und immer, wenn ich irgend­et­was, hm, kre­iere, will er das letzte Wort behal­ten. Und sein letz­tes Wort ist meis­tens, dass das noch nicht gut genug ist. (Hey, Archie, es ist übri­gens voll okay, das letzte Wort behal­ten zu wol­len. Nur sieh zu, dass es ein tol­les letz­tes Wort ist. Wenn mög­lich, posi­tiv. )

Aber Archie, ich hab dich lieb (meis­tens). Du bist schließ­lich in mei­nem Kopf und des­we­gen mache ich mir das Leben nicht so schwer, dich nicht lieb zu haben (meis­tens).

Die Vorteile daran, einen Archie im Hirn zu haben

Fakt ist ja, wenn ich etwas schreibe, oder sons­ti­gen krea­ti­ven Tätigkeiten nach­gehe, will ich, dass das Endergebnis so gut wie mög­lich wird. Also ver­dammt gut und noch viel bes­ser. So gut, wie es über­haupt nur mög­lich ist.

Schon aus Prinzip lasse ich einen ers­ten Entwurf nie­mals nur einen ers­ten Entwurf sein. Während eines ers­ten Entwurfs habe ich näm­lich Gedanken, die mich ablen­ken, Blackouts, und schreibe jede Menge Formulierungen in einen Text, die in gewis­ser Sorte Platzhalter für bes­sere Dinge sind. Und natür­lich auch Formulierungen, die Schrott sind. Um genau zu sein, jede Menge Schrott.

Und ich bin mir sicher, dass es in dem Fall nicht Archie, son­dern mein gesun­der Menschenverstand ist, der mich dazu bringt, die­sen Schrott zu ent­fer­nen. Und bestimmt ist es auch mein gesun­der Menschenverstand, wegen dem ich aus dem Schrott etwas bes­se­res mache. Ich habe die­sen Text schließ­lich nicht geschrie­ben, um ihn weg­zu­schmei­ßen.
Was für eine Zeitverschwendung das wäre.

Nach dem ers­ten oder zwei­ten Mal über­ar­bei­ten könnte ich den Text dann als gut bezeich­nen. Ich könnte ihn lie­gen las­sen, mir auf die Schulter klop­fen, und dann etwas ande­res tun. Aber das will Archie nicht, denn hier kommt er ins Spiel. Archie fin­det den Text zwar okay, aber noch nicht gut, und vor allem nicht gut genug. Deswegen über­ar­beite ich den Text noch ein drit­tes Mal. So lange, bis ich das Gefühl habe, dass die Details stim­men.

Nach ein paar Tagen schaue ich noch­mal drauf, und dann sind da noch mehr Details. Ich gehe sie durch und ändere sie. Und irgend­wann fin­det selbst Archie, dass der Text jetzt gut ist.

Die Nachteile daran, einen Archie im Hirn zu haben

Manchmal fin­det Archie aber kein Ende. Manchmal ist er mit den Details nicht zufrie­den, und mit den geän­der­ten noch viel weni­ger. Wenn Archie fin­det, dass etwas noch nicht gut genug ist, weiß er gleich­zei­tig oft nicht, was genau daran noch nicht gut ist. Die Arbeit bleibt dann an mir hän­gen, obwohl ich das Problem auch nicht sehe.

Das heißt, wegen mei­nes ungu­ten Bauchgefühls werde ich nach dem Problem suchen, so lange, bis ich es finde, und dann behebe ich es. Manchmal finde ich aber kein Problem. Ich fühle nur, dass es ein Problem gibt. Ich weiß, dass der Text noch bes­ser sein muss, weil ich ihn so ganz unmög­lich der Außenwelt prä­sen­tie­ren kann. Jedenfalls ist das das, was Archie mich glau­ben lässt. (Danke dafür.)

Und wenn ich keine Lust mehr habe, weil ich schlicht nicht vor­wärts komme, egal wie lange ich warte und suche und Dinge ändere, lasse ich den Text so, wie er ist. Ich dekla­riere ihn als fer­tig. Aber die Folge ist, dass ich ihn nicht gut finde, weil ich immer, wenn ich ihn durch­lese, wie­der die­ses Bauchgefühl bekomme, dass er eigent­lich, ganz eigent­lich, immer noch Mist ist.

Archie kennt außer­dem keine Grenzen in sei­ner uner­müd­li­chen Suche nach Fehlern. Wenn ich etwas in ein Notizbuch schreibe, das dazu gedacht ist, hübsch aus­zu­se­hen, sehe ich jedes Mal, wenn ich es auf­schlage, nur den miss­lun­ge­nen Buchstaben in der Ecke. Selbst wenn ein Notizbuch auf eine hüb­sche Art chao­tisch und voll­ge­krit­zelt sein soll, wenn es so zuge­schmiert sein soll, dass es prak­tisch außer­halb von Archies Reichweite ist, fin­det er immer noch, dass es nicht zuge­schmiert genug ist.

EIne Zettelbox, Notizbücher und drei schwarze Stifte

Bei Notizbüchern ver­schwin­det das Bauchgefühl. Irgendwann blät­tere ich sie durch und finde sie hübsch, egal, was Archie mal dar­über gedacht hat. Bei Texten ist das ein biss­chen kom­pli­zier­ter. Das ungute Bauchgefühl, das Archie hin­ter­lässt, endet in Gedankenspiralen über meine Fähigkeiten und wie ver­dammt ver­kom­men sie doch sind. Und es hält, sagen wir, deut­lich län­ger. (Und hier sind wir wie­der an der Stelle, lie­ber Archie, wo ich dir gesagt habe, dass dein letz­tes Wort ruhig auch mal nett sein darf.)

Perfektionismus bekämpfen?

Ganz ein­fach. Den Text ande­ren Menschen geben. Und nein, nicht irgend­wem, weil der Text ist ja noch nicht gut genug, um ihn ein­fach irgend­wem zu geben. Gebt ihm jeman­dem, der bru­tal ehr­lich ist, und vor allem, der eine Ahnung hat von dem, was er sagt.
Entweder die Person wird euch sagen, dass der Text per­fekt ist, oder sie sagt euch, was die Probleme sind. Und wenn ihr diese Probleme beho­ben habt, ist der Text laut die­ser Person (das hängt natür­lich von der Person ab) per­fekt.

Und dann geht ihr weg von den Kritikern und hin zu den net­ten Menschen und suhlt euch in Komplimenten.

Wenn ihr dafür aber viel zu per­fek­tio­nis­tisch seid, weil ihr den Text ja per­fekt fin­den müsst, und nicht andere Leute, dann… äh… ja. Dann erstellt ihr einen Blog und schreibt einen Beitrag über Perfektionismus.


Ich werde immer dann per­fek­tio­nis­tisch, wenn mir etwas wich­tig ist. Oder viel­leicht sind mir Dinge auch erst wich­tig, weil ich per­fek­tio­nis­tisch bin. Das habe ich noch nicht so genau her­aus­ge­fun­den. Manchmal klam­mere ich mich aber auch an Dinge, die eigent­lich egal wären, das hat dann eher was mit mei­nem Ego zu tun.

Aber ich glaube, das geht den meis­ten Menschen so. Deswegen seid ihr herz­lich dazu ein­ge­la­den, mir von eurem Perfektionismus zu erzäh­len. Denn der ist ja, wie wir gerade her­aus­ge­fun­den haben, ein eigen­stän­di­ges Individuum mit eige­nem Aussehen und einem eige­nem Namen. Nicht?

8 Comments

  • Fee

    Ich bin der Meinung das Horst ein bes­se­rer Name gewe­sen wäre. Horst klingt stur und ist das nicht jeder Perfektionist? Stur?

    • Mare

      Horst klingt zwar stur, da hast du kom­plett Recht, aber der Name ist ästhe­tisch gese­hen nicht so schön 😀 Ich würde den doch nicht stän­dig mit mir rum­schlep­pen wol­len ^^

  • Uwe

    So ein süßer Archie mit sei­nen Knautschbäckchen, ich sehe ihn rich­tig vor mir!
    Und wenn er dann anfängt zu nör­geln und zu meckern, dann ist er plötz­lich so gar nicht mehr süß, und Du wür­dest ihn wohl manch­mal am liebs­ten in die Tonne tre­ten…
    Und wenn er nicht hin und wie­der etwas kon­struk­ti­ver mit­ar­bei­tet, z.B. mit einem NETTEN letz­ten Wort, dann kannst Du ihm viel­leicht dro­hen, künf­tig mehr in Notizbücher zu schrei­ben, dann sieht er mal was er davon hat!!!
    Aber wie Du so schon schreibst, Perfektionismus ist vor allem dann gut, wenn Dir etwas wich­tig ist.
    Behalte das bei.

    Mein eige­ner Perfektionismus?
    Bei ein paar wich­ti­gen Sachen, z.B. bevor ich etwas ver­öf­fent­li­che.
    Und bei ein paar sehr unwi­chi­gen… ich werde mal ein Foto vom Besteckfach unse­rer Spülmaschine machen… XD
    LG

    • Mare

      Aaach, ich will doch Archie nicht in die Tonne tre­ten, weil, wie gesagt, er ist ein Teil von mir. Wenn ich ihn in die Tonne tre­ten würde, wo käme ich dann denn hin? xD Und was die Spülmaschine angeht, da stimme ich Frisou voll und ganz zu: Dein Perfektionismus sollte Spüli hei­ßen. Ja. Definitiv.
      LG zurück.

  • Nefeli

    Ich kenne das Gefühl nur zu gut! Ich hab auch einen Archie… Vielleicht heißt mei­ner anders, hab ich mir noch nicht über­legt… Es gibt Dinge, bei denen ich per­fek­tio­nis­ti­scher (?) als bei ande­ren bin… Bei Texten erstaun­li­cher­weise eher weni­ger… Eher bei Sachen wie Rechtsschreibung und Zeichensetzung, was meine Freunde immer in den Wahnsinn treibt, wenn ich sie stän­dig auf Fehler hin­weise. Oder bei so rich­tig unnö­ti­gen Sachen, wie die Pizzapackungen in der Tiefkühltruhe (Du kennst ja mei­nen Text über den Kleiderschrank, da kommt das vor)… ja und eben bei so rich­tig blö­den Sachen… Vielleicht will ich immer alles kon­trol­lie­ren, viel­leicht hab ich auch eine Vorstufe von OCD… Wer weiß?

    • Mare

      Oh ja, abso­lut, bei Rechtschreibung und so Zeug bin ich auch so pin­ge­lig, und irgend­wann ist jeder genervt von mir 😀 Ich glaube übri­gens auch, dass das sehr stark mit Kontrolle zusam­men­hängt, so in dem Sinne, dass man manch­mal ein­fach jede kleine blöde Kleinigkeit per­fekt haben will, und dass man außer­dem so Sachen nicht gerne andere Menschen machen lässt.
      Und ja, das Wort per­fek­tio­nis­ti­scher gibt es (ich finde jeden­falls keine Anhaltspunkte dafür, dass es das nicht gibt ;)).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.