offenes Buch, Stifte und Sticky Tabs
Buch-Entropie

In Bücher schreiben: Der ganze Senf dazu

Ich habe etwas her­aus­ge­fun­den. Und zwar, dass es nicht nur sehr hilf­reich ist, in seine Bücher rein­zu­schrei­ben, son­dern außer­dem ziem­lich Spaß macht. Mit rein­schrei­ben meine ich alles Mögliche. Textstellen kom­men­tie­ren, unter­strei­chen, (durch­strei­chen (weil why the fuck eigent­lich nicht)) ein­krin­geln, Sternchen set­zen, oder was für Zeichen auch immer mensch even­tu­ell für schö­ner befin­det als Sternchen.

Und nein, ich denke mir dabei nicht: Oh mein Gott, was bin ich für eine Bücherschänderin. Ich habe keine sadis­ti­schen Gefühle mei­nen Büchern gegen­über. Ich bin keine Sadistin. Meine Bücher sind meine Babys. Ich bin letz­tens ein­fach nur zu dem Schluss gekom­men, dass es kei­nen Grund für mich gibt, meine Bücher nicht zu anno­tie­ren, und jede Menge Gründe, es zu tun.

Hätte jemand mich das vor ein paar Monaten gefragt, hätte ich wahr­schein­lich sowas in der Art geant­wor­tet: Ich ver­un­stalte meine Bücher doch nicht, bist du blöd?

Aber die Frage ist ja, was man als „Bücher verunstalten” definiert.

Ich zum Beispiel ver­stehe dar­un­ter Sachen wie Bücher zer­schnei­den, Löcher rein­bren­nen, und mit Filzstift wild über die Seiten krit­zeln. Mit Eselsohren habe ich mich auch noch nicht ange­freun­det. Es gibt schließ­lich genug Gegenstände, die man als Lesezeichen ver­wen­den kann, warum sollte ich also statt­des­sen Seiten umkni­cken?

Was für mich nicht unter „Bücher ver­un­stal­ten” fällt, sind Leserillen, auf­ge­weichte Ecken, und sons­tige Zeichen der Abnutzung. Es bedeu­tet ein­fach nur, dass ein Buch gele­sen wurde. Gegebenenfalls oft, und dazu sind Bücher doch da, oder? Um gele­sen zu wer­den. Ich werde ein Buch ganz sicher nicht nur einen Spalt breit öff­nen, damit der Rücken bloß kei­nen Schaden nimmt. (Wer macht das über­haupt, außer ich frü­her?) Und genauso sehe ich nicht ein, warum ich die Seiten ein­fach so unkom­men­tiert las­sen sollte, als hätte ich das Buch nur gelie­hen und als würde es nicht mir gehö­ren.

… und was man damit vorhat

Wenn ihr eure Bücher nach dem Lesen wei­ter­ver­kau­fen wollt, wäre es schon eher sinn­voll, sich das mit dem Reinschreiben genauer zu über­le­gen. Es gibt bestimmt Menschen, die lie­bend gerne ein Buch mit euren Kommentaren kau­fen. Und genau so wel­che, die es lie­ber wie neu hät­ten.

Stellt euch vor, ihr werdet berühmt.

Und dann sterbt ihr, und irgend­wer fin­det eure pri­vate Büchersammlung, und da ste­hen Bücher wie in jeder stink­nor­ma­len Buchhandlung. Das wäre ja lang­wei­lig. Dazu gibt es Buchhandlungen ja. Damit die Bücher neu sind. Es wäre doch tau­send­mal inter­es­san­ter, wenn in euren Büchern drin­steht, was ihr dach­tet, wäh­rend ihr sie gele­sen habt, und wenn andere Menschen sehen könn­ten, wel­che Textstellen ihr toll fan­det und wel­che furcht­bar. Das würde den Wert eines Buches gleich um ein sehr Vielfaches stei­gern. Stellt euch vor, ihr hät­tet die Möglichkeit, Harry Potter noch­mal zu lesen, nur dass Obama in den Büchern seine Anmerkungen gemacht hat. Also bitte.

Wahrscheinlich ist es ein biss­chen zu viel ver­langt, davon aus­zu­ge­hen, dass ich berühmt werde und sich dann jeder um meine Bücher reißt.

aber.

Ich habe letz­tens von einer Freundin Bücher aus­ge­lie­hen, in denen sie alle Textstellen unter­stri­chen hatte, die sie schön fand oder die ihr etwas bedeu­tet haben. Und. Es. War. Toll. Es war ein biss­chen so, als würde sie über meine Schulter hin­weg mit­le­sen. Und ich wusste, oder konnte mir ziem­lich genau vor­stel­len, was sie beim Lesen gedacht hatte. Und das war so tau­send­mal fan­tas­ti­scher, als ein­fach nur das Buch als sol­ches zu lesen. Ich behaupte, wenn man alle, oder einige der, anno­tier­ten Bücher einer Person lesen würde, ohne sie zu ken­nen, könnte man hin­ter­her eine voll­stän­dige Charakterisierung von die­ser Person anfer­ti­gen.

Selbst wenn wir hier über ein Buch reden, das nie­mand anders je lesen wird, rein­zu­schrei­ben bringt einem sel­ber so viel. Du denkst: Verdammt, hat jemand jemals einen See oder ein Blatt oder einen Riss im Asphalt oder was weiß ich so schön beschrie­ben wie hier? Du denkst auch: Merk ich mir schon. Du blät­terst zwei Seiten wei­ter und weißt noch nicht mal mehr, dass du über­haupt etwas gedacht hast. Wenn du dann irgend­wannn mit irgend­je­man­dem über das Buch redest, ihr habt sehr viel Zeit und sehr viel zu dis­ku­tie­ren (denkst du); dann viel Spaß, dich an all das zu erin­nern, vor allem, wenn du inzwi­schen zehn andere Bücher gele­sen hast.

Und wenn du das Buch irgend­wann noch mal liest, wäre es dann nicht total schön zu sehen, wie dein jün­ge­res Ich es damals erlebt hat?

Die Erleuchtung, ha ha

Ich dachte, wenn ich mich einem Buch mit einem Stift nähern würde, dann gäbe es im Afterlife einen spe­zi­el­len Platz in der Bücherhölle für mich. Oder so. Was weiß ich, was ich dachte. Wahrscheinlich gar nichts. Ich habe Bücher ein­fach gele­sen, fer­tig. (Genauso, wie ich dachte, man muss Bücher been­den, um sie scheiße fin­den zu dür­fen, oder dass mein Gedächtnis so bril­lant wäre, dass ich nie das Bedürfnis ver­spü­ren würde, ein Buch zwei­mal zu lesen.)

Vor eini­ger Zeit habe ich so eine Art frei­wil­lige Buch-Analyse-Präsentation gehal­ten. Ich habe mir also das Buch gekauft, und weil ich es mir ja nur für die Schule gekauft hatte, war es auch okay für mich rein­zu­schrei­ben. Mit Schulbüchern ist das gene­rell so eine Sache. Aber weil das Buch, Erebos, nor­ma­ler­weise nicht ver­pflich­tend im Lehrplan auf­taucht, war das trotz­dem sowas wie ein nächs­ter Schritt. Es hat sich nur raus­ge­stellt, dass ich beim Lesen selbst nichts ana­ly­tisch Wertvolles bei­zu­tra­gen hatte. Stattdessen habe ich am Seitenrand den Protagonisten Nick belei­digt. Er ist ja auch wirk­lich ein Idiot. Und das war ein ziem­lich gutes Gefühl. Ein biss­chen so, als hätte ich die Gelegenheit, mit Nick direkt zu reden, oder mit der Autorin.

Als ich die Präsentation hielt, bestand das Buch, wie meine Freundin erfolg­reich fest­stellte, nur noch aus Sticky Tabs, die, wie gesagt, auf keine ana­ly­tisch wert­vol­len Anmerkungen hin­wie­sen, dafür aber auf den gan­zen Rant-Bullshit, den ich an die Seitenränder gekrit­zelt hatte. Damit ich die Kommentare im Fall der Fälle wie­der­fin­den würde, als Beweis, falls man für die Tatsache, dass Nick ein Idiot ist, Beweise braucht.

Und weil‘s so schön war, warum nicht ein­fach wei­ter so? Dann hat paper­backdreams ein Video ver­öf­fent­licht, und ich dachte mir: Wohoo. Warum war ich jemals der Meinung, dass es bes­ser sei, seine Bücher leer und unschul­dig zu las­sen?

Organisation und so

Es soll ja Menschen geben, die Textpassagen in ver­schie­den­far­bi­gen Highlightern unter­strei­chen, um die Stellen ver­schie­den zu kate­go­ri­sie­ren. Ich finde das viel zu ner­ven­auf­rei­bend. Und ich wüsste auch gar nicht, was ich für Kategorien defi­nie­ren sollte. Und jedes Mal, wenn ich ein Buch lese, meine gesamte Textmarkersammlung dabei­ha­ben? Nee.

Ich habe einen Bleistift, einen Textmarker und meine Sticky Tabs. Ich schaue, dass der Textmarker die glei­che Farbe wie das Buchcover hat. Das ist wich­tig, wegen Archie. Wenn ich etwas unter­strei­chens­wert finde, unter­strei­che ich es, selbst wenn es nur hüb­sche Wörter sind. Oder vor allem dann. Wenn ich Senf abzu­ge­ben habe, schreibe ich ihn irgend­wo­hin, wo Platz ist. Sonst mit Pfeilen an den Seitenrand. Wenn ich bei einem Kommentar einen gewis­sen Mehrwert fest­stelle, klebe ich einen Sticky Tab an die Seite, um die Stelle wie­der­zu­fin­den. Bevor ich die Seite umblät­tere, freue ich mich noch immer dar­über, wie ästhe­tisch alles aus­sieht.

Fun Fact:

Ich habe letz­tens Call me by your name gele­sen, und es ist das Heiligtum mei­ner Bücher gewor­den, und ich muss wann anders noch mal dar­auf ein­ge­hen, weil es ist so schön, dass ich rich­tig hib­be­lig bin, wäh­rend ich das jetzt schreibe. Jedenfalls, weil im Buchladen nur die deut­sche Ausgabe erhält­lich war, habe ich inzwi­schen noch die eng­li­sche Ausgabe bestellt. Die deut­sche Ausgabe habe ich einem Freund gelie­hen. Ich habe ihm gesagt, er soll ins Buch rein­schrei­ben, was er denkt. Er war begeis­tert und ich war begeis­tert. Ich weiß, dass er auf jede zweite Seite „that‘s gay” schrei­ben wird, und ich freue mich rich­tig dar­auf, es noch­mal mit sei­nen Kommentaren zu lesen. Mehr habe ich nicht zu sagen. Tschüs.

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